Erfolgreich in Whisky investieren – das Interview mit Ralph L. Warth

Hochwertiger Whisky
24. November 2018
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Erfolgreich in Whisky investieren – das Interview mit Ralph L. Warth

Kurzportrait

Ralph L. Warth wurde 1972 in Sursee in der Schweiz geboren und studierte Betriebswirtschaft an der Universität St.Gallen. 1998 kam er bei einem Arbeitsaufenthalt in London auf den Geschmack: Der schottische Single Malt Whisky „Uisge Beatha“ gab den Anstoß für eine inspirierte Karriere. Seine Leidenschaft ließ Warth erstmalig in seine Publikation „Malt Whisky – unabhängige Abfüller: Pioniere, Künstler, Handwerker“ fließen. Heute ist er Geschäftsführer der auf Whiskyanlagen spezialisierten Rare Limited Whisky LLC. Außerdem schreibt Warth für die deutschsprachigen Geniessermagazine „Whisky Botschafter“ und „Whisky Time“ zu Whisky und seinen Anlagemöglichkeiten. In seinem Blog The Whisky Investor berichtet Ralph L. Warth regelmäßig über aktuelle Anlagethemen aus dem breitgefächerten Whiskyumfeld.

Vor Kurzem habe ich dieses Interview mit dem Experten geführt.

Wie gestaltet sich das Bild des aktuellen Marktes, Herr Warth?

Beginnen wir im Generellen: Ich unterteile den Markt zwischen dem Produzenten und dem Konsumenten, also dem Anbieter und der Nachfrage. Auf der Produzentenseite sieht man klar eine Tendenz zu Premiumstrategien. Das bedeutet, dass man sich in einem Whiskyportfolio von großen Gesellschaften wie beispielsweise Pernod Ricard, auf einige Marken fokussiert. Diese werden dann massiv mittels Marketing in den Vordergrund gestellt und ihre Einzigartigkeit hervorgehoben.

Eben diese Einzigartigkeit geht oft mit höheren Einstiegspreisen einher. Es wird sehr viel Storytelling betrieben. Nehmen wir beispielsweise Highland Park: dort werden die Wikinger fokussiert, um diese in den Zusammenhang mit dem Whisky zu stellen. Es gibt aber noch andere Möglichkeiten, wie Premiumstrategien angewendet werden. Ein weiteres Beispiel sind die Macallan Einzelfassabfüllungen, von denen es vielleicht nur zwanzig Flaschen überhaupt gibt, weil das Fass irgendwo fünfzig Jahre im Lager herumstand. Das ist eine klare Strategie, die man bei den bestehenden Produzenten erkennen kann.

Außerdem kann man die enorme Anzahl an Bewilligungen für neue Destillerien beobachten. Das sind wirklich Boomzeiten für die Produzenten. Die Tatsache ist, dass ein Destillat mindestens drei Jahre in Eichenfässern vor Ort lagern muss, damit man es Whisky nennen darf.  Und, dass man für eine Premiumstrategie mindestens fünfzehnjährigen Whisky braucht. In Anbetracht dessen, sind die Produzenten zumindest aus ökonomischer Sicht davon überzeugt, dass der Whiskyboom weiter anhält. Sonst würden sie heute in ein Geschäft investieren, das eigentlich in fünfzehn Jahren nicht mehr ertragreich wäre.

Von daher denke ich, dass auf Seiten des Produzenten die Meinung vorherrscht, dass es sicher so weitergeht. Allerdings setzt wahrscheinlich  irgendwann der „Schweinezyklus“ ein, bei dem alle zur gleichen Zeit ihre Abfüllungen auf den Markt bringen. Das führt zu einem Einbruch der Preise – zumindest bei den Destillerien, die nicht über eine Top-Marke verfügen.

 

Handelt es sich bei den Premiumstrategien also weitestgehend um Marketing? Oder bieten diese auch eine andere Qualität? 

Es ist ein bisschen von beidem. Vieles ist Marketing und ein Teil davon das Storytelling. Aber alles bezieht sich auf das Produkt. Und doch sieht man, dass Destillerien heute Sachen abfüllen, die sie vor zehn Jahren nicht abgefüllt hätten, wie die Einzelfassabfüllungen. Das ist Teil der Premiumstrategie. Es wird auf Raritäten und gute Qualität im Lagerhaus gesetzt.

Früher wäre es im schlimmsten Fall in einen Blend gelaufen, im besten Fall in die Standardabfüllungen. Inzwischen hat man eine Sensitivität dafür entwickelt, dass es sich um etwas Exklusives handelt, das man als solches abfüllen und vermarkten kann, weil dafür auch eine Nachfrage besteht. Vor zehn Jahren war diese Nachfrage weitgehend nicht da und eine Zahlungsbereitschaft sowieso nicht. Das hat sich massiv verändert. Einerseits aufgrund der Globalisierung, andererseits durch die Premium-Markenstrategie selbst, durch die ein Bedürfnis zum Teil bewusst geschürt oder kreiert wurde.

 

Wie schaffen wir es, noch mehr Qualität in den Whisky zu bekommen?

Die Qualität verbessern − ich glaube, dass ist bei den meisten nicht mehr möglich. Andere Qualitäten zu kreieren, also zum Beispiel ein bisschen mehr auf Torf zu gehen oder andere Geschmacksrichtungen einzuschlagen, das geht.

Aber wenn wir heute die Premiumabfüllungen ansehen, sind das alles alte Abfüllungen. Dreißig-, vierzig- bis fünfzigjährige Abfüllungen. Das heisst, die schlummern seit Jahrzehnten in den Warenlagern. Man hat sie einfach erst jetzt entdeckt. Und wenn man die Qualitäten dieser Raritäten probiert, sei es von Macallan, Mortlach oder Longmorn, ist das natürlich eine andere Liga, das muss man schon sagen.

Wichtig ist auch zu betrachten, dass es sich um Destillerien handelt, die nur aufgrund einer guten Infrastruktur in der Lage sind, Whiskys zu produzieren, die lange in Eichenfässern gelagert werden können. Es ist nicht so, dass jede Destillerie einfach Spirit produzieren, den einlagern kann und dann hat man irgendwann in ein paar Jahrzehnten Abfüllungen, die sehr rar sind.

Da sind schon Fähigkeiten vom Brennmeister, aber auch vom Verantwortlichen für die Selektion der Fässer nötig. Wie sind beispielsweise die Hälse der Brennblasen beschaffen? Diese haben Einfluss darauf, ob das Destillat früher kippt oder länger in den Fässern bleiben kann. Dennoch: Alles, was ich bislang unter Premium probiert habe, war wirklich exorbitant gut.

 

In Ihren Tastings bieten Sie schon mal außergewöhnliche Whiskys an.

Ja, aber die sind alle noch nicht ganz Premium. Wenn Sie eine Macallan M oder die Dalmore-Reihen probieren, ist das eine ganz andere Liga. Aber trotzdem rechtfertigt da der Preis nicht immer die Qualität. Das ist bedingt durch die Nachfrage und sehr viel durch die Emotionalität.

Bei der Nachfrage selbst sehe ich zwei Hauptgruppen: Die einen sind die Geniesser und Sammler, die anderen sind die Investoren. Die Geniesser und Sammler sind weniger preiselastisch. Wenn sie wissen, dass eine Serie zehn Flaschen hat, dann sind sie bereit, für die zehnte Flasche unglaublich viel auszugeben. Nur damit sie eine vollständige Serie haben. Das macht ein Investor meist nicht. Es gibt also bei der Nachfrage irgendwann auch eine gewisse Entkopplung.

Momentan hat der Whiskymarkt den Vorteil, dass die Genießer und Sammler viel gewichtiger sind als die Investoren. Ich weiß es nicht genau, aber gefühlt sind es 5% Investoren und 95% Sammler und Genießer. Also kann der Produzent oder der Verkäufer die Preise anheben und die Nachfrage bleibt dennoch konstant. In den USA ist es sowieso schwierig momentan. Wenn die Nachfrage auch in Europa nicht vorhanden ist, dann gibt es sie aber sicher in Asien.

Wir hatten dieses Beispiel von einem Asiaten, der in Dubai zwei Macallans für 1,2 Millionen Dollar gekauft hat. Die Macallans waren von 1923 und 1926. Alle haben geschrien und gesagt, der Preis sei völlig utopisch. Auch haben alle gedacht, dass dieser Mann ein Genießer sei. Aber dann hat man die beiden Flaschen drei Wochen später auf dem lokalen Auktionsmarkt gesehen. Der Herr hat nachher 2,4 Millionen gelöst. Der hat seinen Einsatz  in drei Wochen verdoppelt! Nur weil er gewusst hat, dass es Genießer gibt, die bereit sind, für zwei Flaschen so viel auszugeben. Das hat er natürlich clever gemacht: Er hat Interviews gegeben, nachdem er die Flaschen gekauft hat. Indem er die Visibilität für diese zwei Flaschen erhöht hat, hat er Marketing für sich selbst betrieben. In Asien geht es vielfach auch darum, zu zeigen, was man hat, vor allem bei den neureichen Millionären und Milliardären.  Da hat er sich selbst die Nachfrage geschaffen.

 

Wie finanzieren sich neugebaute Destillerien?

Sie haben die neuen Destillerien angesprochen. Auch ich lese immer wieder, dass neue gebaut werden oder gerade in der Fertigstellung sind. Ich frage mich, wie das finanziell funktioniert, wenn sie in den ersten drei Jahren erst einmal kein Einkommen haben. Das kann ja nur über die Konzernstrukturen funktionieren. Oder gibt es auch noch andere Möglichkeiten?

Man müsste die neuen Destillerien genau anschauen. Meistens gehören sie nicht zu den großen Konglomeraten, weil diese oft noch eine Reihe von stillgelegten Destillerien haben, die sie wiedereröffnen könnten. Die neuen Destillerien sind entweder von Unternehmen oder unabhängigen Abfüllern, die den Whisky als Tauschmittel benötigen, um an andere Rohstoffe heranzukommen. In der Whiskywelt ist es viel relevanter, Whisky als Tauschmittel zu haben, anstatt Geld, um Fässer zu kaufen. Gerade unabhängige Abfüller, wie Douglas Laing oder auch Gordon & MacPhail haben den Vorteil der bestehenden Geschäfte. Douglas Laing ist seit fast achtzig Jahren im Business als unabhängiger Abfüller und finanziert sich aus dem Cashflow des laufenden Geschäfts, wahrscheinlich mit einem Bankkredit. Die haben den Atem, locker drei Jahre durchzuhalten.

Dann gibt es natürlich die anderen, die vielleicht kein angestammtes Geschäft haben, insbesondere kein Whiskygeschäft. Die erkennen einfach, dass eine große Nachfrage existiert und wollen einen Teil vom Kuchen abhaben. Klassischerweise haben sie sich in den Achtzigerjahren durch Fassverkauf im Vorfeld finanziert, bei dem man Fässer mit neuem Destillat kaufen konnte, das wiederum zehn Jahre im Lagerhaus liegen musste. Damit hat sich die Firma Cashflow organisiert. Das sieht man teilweise heute auch noch. Aber was viele machen ist, dass sie entweder zuerst Gin herstellen und verkaufen und so die Whiskyproduktion quersubventionieren oder Spirit verkaufen, der unter drei Jahre alt ist. Der hat dann einen sehr spannenden marketingtechnisch orientierten Namen. Man weiß aber, was dahinter steckt.

Destillerien wie Wolfburn haben das hervorragend exerziert. Die haben für achtzehn Monate alten Spirit so viel Geld verlangen können, wie andere für einen zwölfjährigen Whisky. Sie haben es geschafft einen solchen Hype um die Destillerie zu machen, dass man das einfach kaufen musste. Man wollte das probiert haben, man musste seine Flasche haben. Einige haben vielleicht auch aus ökonomischen Gründen die eine oder andere Flasche gekauft, weil sie dachten, wenn das wirklich mal so weit kommt, dann habe ich eine von diesen Flaschen aus den Anfangszeiten der Destillerie. Das sind die klassischen Methoden.

 

Welche Marken empfehlen Sie momentan Ihren Kunden, um in Whisky zu investieren?

Grundsätzlich kann jede Flasche abhängig vom Preis und unabhängig von der Destillerie als Anlage attraktiv sein. Wenn ich mein 100-Punkte-Sytem anwende, ergibt die Destillerie 30 Punkte, der Abfüller 30 Punkte und die Abfüllung selbst 40 Punkte. 

Wenn ich beispielsweise eine Abfüllung aus einer „zweitklassigen“ Destillerie habe, kann sie unter bestimmten Umständen auch interessant sein. Ein Grund kann sein, dass sie von einem hochwertigen unabhängigen Abfüller ist, dem ich sehr viele Punkte gebe. Er hat in der Vergangenheit bewiesen, dass er sehr gute Abfüllungen auf den Markt bringt und unterscheiden kann, was gut ist, was weniger und was eine eine rare Kombination ist.

Währenddessen kann ich mit meiner Methodik erkennen, dass eine Destillerie wie Macallan, die Preise außerordentlich hoch ansetzt. Auch wenn der Macallan von der Reputation her einer der besten ist, in den man als Whisky investieren oder den man genießen kann, vereinen die Preise das alles schon in sich. Dort müsste der Preis eigentlich um 20% fallen, dann wäre es erst einmal richtig bewertet. Von daher habe ich, wenn es ums Investieren geht, keine richtigen Lieblingsdestillerien. Ich analysiere grundsätzlich Abfüllungen von  Brennereien, die ich sehr gut kenne, deren Vielfalt ich kenne und deren Variationen im Geschmack ich schätze. Aber theoretisch könnte auch ein Loch Lomond als Anlage interessant sein. Während ein Macallan M preislich zu hoch ist.

 

Sie haben ihr eigenes Bewertungssystem. Wie funktioniert es?

Ich glaube, ich habe es in einem Ihrer Artikel gelesen: da ist zum einen das Bewertungslevel selbst. Und zum anderen das Investitionsmaß, das den auf einem Bewertungslevel angesetzten Preis darstellt. Richtig?

Ja, absolut. Was ich natürlich auch in diesen drei Einzelbewertungen mit einfließen lasse, ist die Reputation einer Destillerie. Da wird eine Macallan mehr Punkte bekommen, als eine Loch Lomond. Das Rating drückt dann aus, was investitionskräftigere Marken oder Brennereien sind. Ich schaue mir nicht explizit die guten Marken und die Abfüllungen an. Ich komme vom Bottom up und entscheide, wie viele Punkte die Destillerie für ihre Produktion bekommt. Für das, was sie produziert in Bezug auf Qualität und Quantität, wie die Vertriebsmöglichkeiten sind und wie ihre Reputation ist.

 

Wie spüren Sie interessante Abfüllungen auf?

An dieser Stelle würde mich interessieren, wie Ihr Vorgehen ist. Meine Erfahrung ist, dass theoretisch gute Flaschen oft eigentlich gar nicht verfügbar oder im Preisniveau höher sind. Wie gehen Sie grundsätzlich vor, um mit dem richtigen Maß an Aufwand zum Ziel zu kommen?

Ich bekomme von Importeuren relativ viele Informationen, was auf den Schweizer Markt kommt. Zunächst mache ich ein Primärscreening. Was interessiert mich überhaupt? Welche Destillerien will ich näher anschauen? Dann lade ich alle Details in meine Kalkulationsmaschine und die gibt mir die Punkte.

Ich habe auf der anderen Seite eine Marktbewertungskurve. Das heisst, ich habe irgendwo ab 40 Punkten Abfüllungen identifiziert, die diese Punkte haben. Ich schaue regelmäßig, zu welchem Preis sie verkauft werden. Respektive was die Auktionspreise sind. Dann bekomme ich eine Preiskurve für Whiskys mit 40 Punkten, 45 Punkten, 50 Punkten usw. Ich schaue nach, wo der Preis für die Abfüllung jetzt sein müsste, die ein Schweizer Importeur auf den Markt bringen will. Wenn der Preis über dieser Kurve liegt, ist es für mich nicht interessant. Wenn er auf der Kurve liegt, auch nicht. Außer wenn ich erwarte, dass der Preis massiv steigen wird. Wenn er allerdings darunter liegt, wird es für mich interessant und will in diesen Whisky investieren.

 

Welche unterbewerteten Marken sehen Sie derzeit auf dem Markt?

Haben Sie momentan ein oder zwei Marken, die latent unterbewertet sind? Von denen sie sagen, das ist etwas, das viele nicht auf dem Radar haben?

Ja, es gibt einige Glenrothes-Abfüllungen, von denen ich sagen muss, dass sie sehr spannend sind. Clynelish habe ich mir auch angeschaut. Clynelish hat aufgrund der geographischen Nähe zu Brora natürlich immer ein bisschen die zweite Geige gespielt. Hat aber mittlerweile ein Eigenleben entwickelt und eine eigene Reputation aufbauen können. Und zwar nicht nur einfach als der kleine Bruder von Brora. Das spiegelt sich auch langsam in den Preisen wider. Es gibt aber immer noch die ein oder andere Abfüllung, die preislich sehr attraktiv ist. Das sind die zwei, die meiner Einschätzung nach im Preisverhalten auffällig waren.

 

Wie erlangen Sie Zugriff zu den vielen benötigten Daten?

Sie sagen, dass Sie sehr viel upgedated haben. Machen Sie das automatisiert oder ist das noch Handarbeit in einem Excel-Tool?

Das ist leider noch Handarbeit. Ich bin eigentlich dran, aber das Problem ist einfach, dass meine Lieferanten immer noch mit Papier und Stift denken. Das ist ein bisschen schwierig. Einige sagen auch, dass sie sich den Aufwand sparen wollen. Sie bekommen von einer Abfüllung keine 500 Flaschen, sondern nur ein Kontingent von 48. Deshalb scheuen sie den Aufwand, mir das elektronisch zu übermitteln, denn bis ich es habe, sei eh schon ein Dreiviertel weg.

Ich arbeite allerdings an einem Projekt, wo wir das nicht „hinten rum“ machen wollen. Also nicht das Einlesen von Daten neuer Abfüllungen anstreben, sondern eine Schnittstelle nach vorne zum Genießer oder zum Investor  bauen. Es soll entweder eine App geben oder einen Kalkulator, wo jeder an Ort und Stelle die wichtigsten Parameter eingeben kann. Er erhält dann die Bewertung und kann auf der Preisachse erkennen, ob es attraktiv ist oder nicht.

Das wird wahrscheinlich ein Joint Venture werden. Meine technischen Fähigkeiten sind äußerst limitiert. Momentan bin ich zeitlich ein bisschen beschränkt. So eine Dienstleistung bereitzustellen ist ein Thema für 2019. 

 

Welche Datenquellen nutzen Sie dazu?

Für die Preise brauche ich nur noch Whiskystats für die Auktionsdaten. Dort finde ich die wichtigsten deutschen Auktionshäuser und ein paar wichtige britische Häuser. Außerdem deutet einiges darauf hin, dass der asiatische Mart dort auch bald vertreten ist.

Hongkong soll jetzt schon drin sein.

Okay, ja tipptopp. Whiskystats wird langsam tatsächlich die Single Source für alles, was an Auktionen passiert. Und für das, was gerade im Retail-Verkauf ist, nutze ich die Websites der einzelnen Geschäfte oder Services wie Wine-searcher. Die Auswahl an Whisky ist hervorragend, auch wenn die Seite Wine-Searcher heisst. Dort kann ich relativ einfach teilweise sogar global sehen, wo die Preise für einzelne Flaschen rangieren. Grafiken veranschaulichen die Preisentwicklung und es gibt sogar eine App dazu.

 

Wie schätzen Sie die Qualität des Whiskys ab?

Wie machen Sie sich ein Bild von der Qualität? Greifen Sie auch die Tastingbewertung auf oder verlassen Sie sich auf Ihr starkes Netzwerk, das Sie entwickelt haben?

Der Genuss ist etwas sehr, sehr Individuelles. Ich bin zum Beispiel kein sehr großer Liebhaber von Islay Whisky. Die sind mir teilweise viel zu rauchig, zu eindimensional. Doch das ist kein Grund, warum ich Islay Whisky schlechter bewerten sollte, als die fruchtigeren, die mir irgendwie näher liegen. Deshalb habe ich versucht, die Emotionalität aus meinen Ratings rauszunehmen. Genuss wird von jedem Einzelnen selbst definiert. Also maße ich mir auch nicht an, anderen aufzudrängen, was ich gerne habe. Deshalb habe ich die Ratings so gestaltet, dass Genuss keine Bewertungsdimension ist.

 

Also spielt zum Beispiel Whiskybase bei Ihnen keine Rolle?

Whiskybase benutze ich als Informationsquelle für Abfüllungen. Wenn ich beispielsweise eine Anfrage bekomme, um eine Abfüllung zu bewerten, die ich nicht kenne, benutze ich Whiskybase als Research-Tool. Aber ich benutze es nicht wegen der Bewertungen von Geschmackseigenschaften, sondern nur für die Hard Facts: aus welcher Destillerie kommt die Abfüllung? Wann wurde abgefüllt, wie viele Flaschen und wie viel Volumenprozent sind es?

 

Welche Bücher zum Whiskymarkt können Sie momentan empfehlen?

Da gibt es leider nicht viel. Das war auch der Grund, warum ich meines geschrieben habe. Ich hätte auch lieber etwas gelesen, als es selber zu schreiben, das wäre ein bisschen einfacher gewesen. Aber am Ende war ich dann froh, dass ich es gemacht habe. Nur deshalb habe ich  meine ganze Methodik entwickelt. Aber davon abgesehen ist es eher schwierig. Es gibt ein Magazin, „Investieren in…“, ich weiß gar nicht wie das heisst, ich glaube, ich habe irgendwo eine Ausgabe rumliegen. Ach ja genau. Es gibt dieses Sachwerkmagazin − Wissen für Anleger. Das ist ein deutsches Magazin und behandelt alle Arten von Sachwerten. Also von Oldtimer-Autos, Briefmarken, über Münzen, bis hin zu Whisky. Ich muss sagen, das war eigentlich ganz interessant… Kryptowährungen war auch noch ein Thema. Investitionen in Orangenplantagen, seltene Metalle. Aber Büchern gibt es meines Wissens nach keine zum Thema.

 

Wann sollte ich verkaufen? Und worauf muss ich achten?

Es gibt eigentlich zwei Gründe zu verkaufen. Der eine ist das Erreichen des Preisziels. Wenn das irgendwo auf der Preiskurve liegt oder sogar noch weiter ansteigt, dann rate ich dem Investor oft, zu verkaufen. Außer ich erkenne, dass die Nachfrage offensichtlich noch mehr ansteigen wird, dann bleiben wir drin.

Das Preisziel ist eigentlich immer auf der Marktwertkurve. Oder es kann auch sein, dass die Abfüllung einfach kein Durchsetzungspotential mehr hat. Dann muss man einsehen, dass die Destillerie nicht mehr viel Nachfrage generiert. Oder dass die Abfüllung so problemlos erhältlich ist, dass der Charakter der Einzigartigkeit gar nicht richtig zum Tragen kommt. In solchen Fällen habe ich den Kunden schon gesagt, dass sie verkaufen sollen, auch wenn der Preis unter dem theoretischen Marktwert ist. Lieber investiert man in eine Abfüllung, die mehr Potential verspricht.                                                                                                  

Der Preis ist selbstverständlich wichtig, aber ganz genauso wichtig sind die Nebenkosten, die anfallen. Das können Zollkosten und auch Steuern sein. Aber auch Versicherungs-, Transaktions- und Transportkosten, etc.                                   

Ich verkaufe für die Plattformen, bei denen man ein Minimumgebot erhält. Oft sehe nur wenig Transaktionen, die da getätigt werden. Die Minima sind meistens so hoch gesetzt, dass das Angebot völlig unattraktiv ist. Auf solchen Plattformen hat man immer die Unsicherheit, dass die Flasche zu einem niedrigen Preis weggeht. Über solche Plattformen verkaufe ich aber in dem Wissen, dass der Preis allenfalls unter dem Marktwert zum Liegen kommt. Deshalb verkaufe ich dort nur Abfüllungen, die dem Publikum, den Auktionsteilnehmern bekannt sein sollten. Bei unbekannten Abfüllungen geht der Schuss nach hinten los.

Was ich aber sehr viel mache, ist über mein Netzwerk zur verkaufen. Dort weiß ich, wer was sucht oder wer was hat. Ich bekomme teilweise auch Anfragen von Leuten, die ganz bestimmte Abfüllungen suchen. Dann weiß ich beispielsweise zwei, drei von meinen Kunden, die diese im Portfolio haben. Im nächsten Schritt frage die dann, zu welchem Preis sie bereit wären, sie zu verkaufen. Da agiere ich dann eher im Sinne eines Maklers. Aus dieser Position kann die Preise besser steuern und erfahre auch mehr Transparenz über die Verkaufspreise.

 

Wo kann ich meinen Whisky verkaufen?

Da sind Sie als Broker ja in der Premiumposition. Ich habe momentan so gut wie kein Netzwerk. Welche Plattformen können Sie mir mit gutem Gewissen empfehlen? Gibt es welche, auf denen Sie vielleicht selbst als Verkäufer auch schon mal tätig waren?

Da würde ich sicher über Herrn Krüger gehen: whiskyauction.com. Allein aufgrund der Reputation und der Transaktion, wirklich sehr professionell. Da wird einerseits beim Einbringen der Flaschen geprüft, ob es auch kein Fake ist und ob die Flasche an sich in Ordnung ist. Das gibt demjenigen, der den Auktionspreis hineinlegt, die Gewissheit, dass Risikomanagement betrieben wurde. Demjenigen wiederum, der den Whisky dort einliefert, gibt es das Gefühl, dass er dort an der richtigen Stelle ist. Bei Krüger verfügt er über ein großes Netzwerk. Das sind Tausende, die die Abfüllungen anschauen. Dort hat er bei einer wirklich spannenden Abfüllung eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass der Preis auch entsprechend nach oben getrieben wird.

 

Habe ich als Käufer noch andere Möglichkeiten neben WhiskyAuction?

Es kommt immer darauf an, wo man selbst zu Hause ist. In England gibt es gute Plattformen, aber Sie haben dann das Risiko des Wechselkurses von Pfund gegen Euro. Zollkosten und Transportkosten kommen noch dazu. Es ist manchmal zwar optisch interessant, an so einer Auktion teilzunehmen, aber man muss sich wirklich bewusst sein, was an zusätzlichen Kosten hinzukommt. Wenn ich in Deutschland wäre, wäre ich sicher auch bei Krüger. Ansonsten gibt es viele Retailverkäufer, die eine große Auswahl haben. Da bin ich sehr gut beraten und die Preise sind bei den meisten auch fair. 

 

Wie schätzen Sie die Transparenz auf dem Whisky-Konsummarkt ein?

Meiner Beobachtung nach, sind die Vorgänge schon sehr transparent. Das ermöglicht eine Einordnung auf dem europäischen Markt. Selbst bei den kleineren Abfüllungen ist es so möglich zu beobachten, ob es noch Flaschen gibt. Bei dem Talisker 1989 beispielsweise gab es noch ein paar und man konnte so einschätzen, wo sie im Niveau ungefähr anzusiedeln waren.

Ja, absolut. Die Preistransparenz nimmt massiv zu. Das ist natürlich sehr wichtig für den Whiskyinvestitionsmarkt, weil das die Grundvoraussetzung ist, dass mehr Investoren in den Markt hineinkommen. Ansonsten wird der Markt von den Produzenten oder Verkäufern dominiert, die aufgrund der Intransparenz meisten höhere Preise durchsetzen können. Mit der Transparenz des Internets hat man hier viel mehr gleich lange Spieße. 

 

Welche Renditeziele setzen Sie an?

Sie haben von Ihrer Erwartungskurve gesprochen: In dem Moment, in dem man mit seinem Preis oder dem Marktniveau darüber ist, raten Sie zu verkaufen. Welche Rendite setzen Sie dann an? Beziehungsweise, wodurch wird diese Kurve dann definiert?

Die Kurve wird durch erzielte Auktionspreise definiert. Im Fall von Abfüllungen, die noch im Markt erhältlich sind, durch die Verkaufspreise der Fachhändlern.

Ich empfehle meinen Kunden jeweils, sie sollen nicht in den Whisky investieren, wenn der Preis 5% unter dem Marktwert ist. Das bringt nichts. Da müssen schon 20 bis 25% über eine gewisse Laufzeit drin liegen. Ich rechne möglichst konservativ und immer unter Einbezug aller Zusatzkosten, wie Transportkosten, Steuer, usw. Für mein Portfolio heisst das, dass ich mit 7% Nettorendite pro Jahr rechnen darf. Aber das mit einer Haltefrist von sieben Jahren.

 

Wieso kalkulieren Sie nur mit 7%? 

Ich hatte in Ihrem Beitrag bei Eye for Spirits gelesen, dass über sieben Jahre momentan schon eine Rendite von 50 – 100% über die Gesamtlaufzeit zu erzielen sei. Da wäre man natürlich über 7%. 

Ja, das ist richtig. Wobei 7 mal 7 gleich 49 ist. Außerdem haben wir ja auch den Zinseszinseffekt, da sind wir nach sieben Jahren wohl ungefähr zwischen 60 und 65%. Wenn es dann noch ein bisschen besser läuft, kommen wir bei 100% an.

Wir haben momentan einzelne Anlagen, da sind wir gerade sogar bei 150% Gewinn.  Aber das ist die Ausnahme und darf nicht verallgemeinert werden. Es kommt immer darauf an, wie viel diese Exoten vom ganzen Portfolio ausmachen.  Deshalb sind die Kalkulationen immer auf das Portfolio gerechnet und nicht auf die einzelne Flasche.

 

Warum sagen Sie, lohnt es sich dennoch, in Whisky zu investieren?

Eine konservative Annahme finde ich zwar persönlich auch angenehmer. 7% Nettorendite, da ist man aber ungefähr beim langfristigen Mittel auch am Aktienmarkt.

Das Risiko ist geringer als auf dem Aktienmarkt. Selbstverständlich hat man keine Tagespreise wie beim Aktienmarkt und auch die Liquidität ist bei Whiskyinvestments geringer als bei Aktien. Allerdings wurde statistisch auch festgestellt, dass die Volatilität der Preise eher bei Anleihen für Whisky liegt, als bei Aktien. Während die Returns eher bei Aktien liegen, als bei Anleihen.

Whisky und Anleihen sollten sich nicht ausschließen, sondern ergänzen. Eine Investition in Whisky hat einen Diversifikationseffekt auf das gesamte Portfolio als Folge. Die Treiber für die Rendite sind völlig unterschiedlich. Ein Zinskurs spielt für ein Whiskyportfolio eine viel geringere Rolle als für Anleihen oder Aktien. 

Für mich ist es also kein „entweder oder“ sondern ein „sowohl als auch“. Deshalb empfehle ich, zusätzlich in Whisky zu investieren. 

 

Im zweiten Teil des Interviews habe ich Ralph L. Warth Detailfragen zur Investitionspraxis gestellt.  Seine spannenden Antworten finden Sie Ende Dezember in meinem Block. 

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